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Alleinreisend - Alles anders

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Re: Alleinreisend - Alles anders

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Beitrag von campari »

Tausende von Kilometern war ich durch Europa gejuckelt, und meistens waren die - neben Schaustellerkindern - am meisten autogereisten Kinder der Welt dabei. Die beiden Plätze auf der Rückbank meines Autos blieben leer, diesmal. Ich hatte angeboten, mit dem kleineren Anhänger die Kindschaft mitzunehmen, damit man flexibler bei Ausweichrouten wäre. Ausweichrouten. Mich gruselte bei dem Gedanken, irgendwo durch das Erzgebirge fahren zu müssen, mit einen Anhänger. Das letzte Mal war Jahrzehnte her. Enge Kehren, Lastverkehr, Wald. Nichts, was man unbedingt machen muss...nie wieder wollte ich hier entlangfahren!

Sieben Tage Brünn. Brünn war am AdW, wie man so schön sagte. Mitten im Wald im Nirgendwo. Was wollte ich überhaupt da? Ich war einmal dort im Kreis gefahren. In meinem Eintrag steht "Brünn und ich, wir werden keine Freunde..." 2012 - eine 2:31. Mit Biegen und Brechen hatte ich damals die fette Suzinette um die Bergabkurve gebogen bekommen. Aber witzigerweise steht in meiner Wohnzimmervitrine ein Pokal "Brünn 2012, Bikeroffice Racing, 2. Platz" - So ein Rennen-mit-drei-Mädchen-Ding. Wie viel Stolz man dem beimessen kann, sei jedem überlassen. Ich hatte meine Zweifel daran, dass das die Leistung war, mit der ich einem Karriereende entgegensehen wollte.

Und während ich so in mich hineinsinnierte, deuteten alle Navigationszeichen darauf, dass die Autobahn hinter Dresden zu meiden war. Ich klingelte den Irokesenman an, um zu fragen, ob der was wisse. Der Henning, der etwa eine Stunde eher losgefahren war als ich, rief an und schilderte die Lage...es sei ein Riesenstau an der Grenze. Immer noch mangelte es an Vernetzung in meinem Hirn. Wieso sollten die Tschechen Grenzkontrollen haben?!? Im Verkehrsfunk war nur die Rede von "lange Verzögerung bei der Ausreise" - und ich dachte immer noch daran, dass die Gegenrichtung gemeint war. Kurz vor der letzten Möglichkeit entschied ich dann doch, den Weg über Altenberg-Teplice zu nehmen. Und irgendwann dämmerte es. Deutschland kontrollierte an den Außengrenzen, um den Attentäter vom CSD zu finden (vermutlich wohlwissend dass der sich vielleicht nicht direkt in den Flixbus setzen würde).

So viel zum Thema nie wieder...man sollte immer offen für einen Perspektivwechsel sein.
:horseshit:

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Re: Alleinreisend - Alles anders

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Beitrag von campari »

Als ich hinter Teplice auf die Autobahn rollte, standen die sehr viel früher losgefahrenen Kinder immer noch im Stau. Ich beneidete niemanden in dem Auto. Zur Erheiterung spielten wir telefonisch "ich sehe was, was du nicht siehst" - noch nie war das so einfach. Ich sah grau. Die Wolken zeigten Regen an.

Hoffentlich gäbe sich das noch. Und hoffentlich würde es nicht zu warm. Und hoffentlich bekam ich irgendwo einen vernünftigen Stellplatz.

Als ich um etwa halb acht im Fahrerlager eintraf, hatten schon alle ausgepackt. Überall standen Leute. Und nirgendwo war Schatten. Irgendwie war der ganze Plan durcheinandergeraten. Anstelle einer großen Wagenburg-WG hatte sich Team Vusi woanders plaziert als Team Irokese. Und alles stand schon so aufgebaut, dass ich nicht den Eindruck hatte, ich würde irgendwo dazupassen. Schatten. Ich würde Schatten brauchen. Die durch Rasensteine unterbrochene Steppenlandschaft sah nicht so aus, als ob sie mich vier Tage überleben ließ. Während ich in Schleichfahrt an dem Konglomerat vorbeirollte, musste ich feststellen, dass pro Box klar gewonnen hatte. Ich wischte den Sparsamkeitsgedanken beiseite. Das Geld für einen Nachrüstsubwoofer bekäme ich schon anders zusammen. Ich wollte ganze sieben Tage durchhalten. An Tag drei durch einen Hitzschlag niedergestreckt zu werden, war keine Option. Und vielleicht könnte mein Boxenplatz auch ein Refugium für wärmegeplagte Kindschaft werden. Besser, man sorgte vor.

Ich stellte mich in die sich wie erwartet zügig bewegende Anmeldeschlange und kaufte eine Box. Ein teurer Spaß.
:horseshit:

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Re: Alleinreisend - Alles anders

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Beitrag von campari »

Als ich vor Box 22 geparkt hatte und meinen Krempel in ebendiese Box räumte, trafen auch irgendwann Kindschaft und der Henning ein. Ich hatte zwar vorab alle Nachbarn gefragt, ob ein Deseo mit 1 Moped noch in den Parkraum passen würde, die Entscheidung für den Standplatz war aber pro Team Irokese gefallen. Die Kindschaft bevorzugte Gemeinschaft mit Vusihund, obwohl dieser ja woanders wohnte. Spaß mit Vusihund, immer Action und sich überall durchfressen. Es war klar, wie das alles gegen "bei Mama wohnen" stand.

Ab und zu würde jemand auftauchen und mich nach etwas zum Essen fragen. So viel war klar. Aber ich sah Tagen entgegen, an dem der Kinderspaß ohne mich stattfinden würde. Ich hatte also eine Auszeit von erzieherischer Tätigkeit. Das und ausreichend Schatten. Das musste doch was werden!

Ich hatte Hunger. Gurke schneiden, Wasser kochen, ein Pack Instant Yam Yam auf die Gurken und Wasser drauf. Ich merkte, dass ich die Chiliflocken vergessen hatte.

Oh, nein.

Ich wollte umrühren und merkte, dass ich den Löffel vergessen hatte.

Oh, nein, oh, nein.

Beim Zusammenbau von Schöner Wohnen hatte ich mir schon ein großes Stück Daumen zwischen Tischplatte und- Fuß geklemmt und abgerissen (Oh, nein, oh, nein, oh, nein) und während ich immer wieder daran nuckelte, um das Blut abzusaugen, was aus der Wunde quoll, bat ich darum, dass ich mir aus dem Rest des Zugewinnhaushaltes einen Löffel ausleihen könne. Das letzte Mal, dass ich Blutwurst mochte, war zu dem Zeitpunkt als ich noch relativ regelmäßig in der Salentinstraße 345 von meines Oppas Tisch aß. Das war lange her und von dieser Zeit meiner Kindheit war nicht viel geblieben außer einer unverständiserregenden Kühlturmnostalgie und Erinnerungen an "Haldenförschchen" (wie man es halt nannte, wenn man als Vater zwei Kinder mitnahm, um zwischen den abartig großen Kippern Abraum zu untersuchen). Und ich freute mich sehr, als mir von Kinderhand ein Löffel gereicht wurde. Auch, wenn dieser mit seinem roten Plastikgriff sehr stillos daherkam. Endlich konnte ich umrühren. Den Daumen klebte ich mit einem Pflaster zu.
:horseshit:

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Re: Alleinreisend - Alles anders

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Beitrag von campari »

Autodrom Brno, 27.7.2026, bei einer erfrischend kurzen Fahrerbesprechung wird darauf hingewiesen, dass es den Text in Englisch gibt und für den Bedarf einer deutschen Übersetzung ich zuständig sei :lol:
Es wird auch darauf hingewiesen, dass es über die nächsten Tage warm werden wird. Und darauf, dass man einen Mix aus Leuten, die neu auf dem Track sind, habe und Leuten mit drölfzigtausen Runden Brünn. Und vor allem wird darauf hingewiesen, dass man sich nicht zerstürzen möge und schon gar nicht im ersten Turn. Und dass es die Sixpackablieferungspflicht gäbe.

(Spoiler: Klappte nicht. Wir starteten mit relativ zügigen Abbrüchen.)

Und man verweist darauf, dass es für die Enduranceteams sinnvoll wäre, wenn Fahrer auf ähnlichem Leistungsniveau sich zusammentäten, damit nicht ein volles Team wegen der Graupigkeit eines Bestandteiles die Qualifizierung verpasst. Ach, ja, ich hatte Anweisung, Endurance zu fahren. Aber ein Mischteam...ich wollte klassenrein starten. Und vielleicht würde ich mich auch gar nicht qualifizieren. Wer wusste das schon...ich brauchte noch einen Kaffee. Turn 1 ließ ich aus. Jetzt nur nicht hektisch werden. Ich hatte keine Eile bei sieben Fahrtagen. also störte es mich auch nicht, dass die Kontaktlinsen mal wieder nicht reingingen, und als sie es doch taten, die Augen brannten wie doof. Danach ging es nur noch Klimper-Klimper-Kneif. Und ab und zu mal Augentropfen rein. Lieber öfter als zu wenig. Öl war genug im Motor. Auf Zubehör wie Schläuche konnte ich bisher verzichten. Nichts wurde mehr in hektischem Aktionismus erledigt, sondern ruhig und Schritt für Schritt. Mir ging es besser damit. Lieber gemütlich und ordentlich als huschti-nuschti und am Ende was nicht festgeschraubt.

Da saß ich nun in meiner Sammelbox. Zwischen zwei Herrschaften aus Deutschland, von denen ich einen, Bernd, zeitig informiert hatte, dass ich später noch Hilfe und mindestens "ein Werkzeug" benötigen würde. Mangels Klaus in meiner Box brauchte ich einen Stellvertreter und die Wahl war auf ihn gefallen. Er schien sich zu fügen.
:horseshit:

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