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Alleinreisend - Alles anders

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Re: Alleinreisend - Alles anders

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Beitrag von campari »

Überraschenderweise hatte es mit dem ganzen Zinober für eine gar nicht mal so seltene 2:09 gereicht. Und interessanterweise war ich gar nicht so ganz schlecht am Berg. Ich verlor die ganze Zeit in den Kurven, die mich durch den Wind immer wieder die meisten Meter machen ließen: 10/11 und 16.

Der dritte Nachmittagsturn dauert für mich aus Rotphasengründen nur eine Runde. Die 2:09 bleibt stehen, qualifiziert mich aber für ein A wie Andrea.
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Re: Alleinreisend - Alles anders

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Beitrag von campari »

Am Abend gibt es wieder Steak in Box 7. Dieses Mal lasse ich den Katzentisch-Stuhl gleich weg. Den hatte ich außerdem schon eingepackt. Die Herrschaften sind trotz des widrigen Wetters und der unschönen Ausfälle bei guter Laune, und wir unterhalten uns über Dinge des Lebens. Wein habe ich heute weggelassen, bekomme aber trotzdem noch ein Bier zu dem, was ich mitgebracht hatte. Der 28.3. war der Tag, an dem ich abreisen wollte. Am Abend noch nach Narbonne. Leider passt das so gar nicht zur Wettervorhersage, die schon wieder nur Kälte bis Mittag ansagt, dann mit Wind, der dann später noch einmal auffrischen wird. WTF kann an diesem Wind noch auffrischen?!? Frischer geht doch nicht. :banging:

Moderat gut gelaunt steige ich aus meinem Schlafgemach. Die Sonne scheint, ja, und es ist etwas weniger kühl. Am Himmel zeigen sich Schleierwolken, die einen leichten Wetterwechsel anzeigen. Und der Wind? Der bläst immer noch volle Lotte aus Nordwest. Und sowas von kalt. Zu kalt für Kurve 2. In jedem Turn, den ich beobachte, steigen Leute auf immer gleiche Weise ab. Schkrrrrrrrrrkzzzzzzzzzzzkkkrr. Gerade, als ich ins Waschzimmer gehe, laden die Kollegen in Rot eine Ducati ab. Ich frage aus Interesse "Turn 2?" Mann in Rot sieht mich an "Que?" "La Dos?", korrigiere ich. Er grinst und nickt wild mit dem Kopf "Siiiiii."

Es gibt einfach Bedingungen zum Stehenlassen. Ich frage mich, warum die Teilnehmer das so auf die leichte Schulter nehmen. Später wird mir auffallen, dass es ja an den Boxen deutlich weniger windig ist, weil viel davor parkt. Und auch in der Boxengasse macht alles einen viel wärmeren Eindruck. Aber ob das der einzige Grund ist? Bestimmt ist auch viel "ich will aber..." dabei. "Ich will aber", meine schlimmsten Stürze fingen so an.

Mein erster Turn ist der vor der Mittagspause. Warmfahren. An Wind gewöhnen. Reifen testen. Vielleicht geht ja noch was. Ich steige ab, und halte Hände an Gummi. OK. Vorne zumindest warm genug. Und hinten? Hinten sieht der Reifen nicht gut aus auf der linken Seite. Ich rufe Klaus an und habe auch gleich einen Irokesenmann am Telefon. Ich schicke ein Reifenbild. Und bekomme prompt schriftliches Gelächter. Das wäre ja nur eine Kante. Die Herrschaften nehmen mich wohl nicht ernst?

So ist das mit den Bildern. Der sah wirklich nicht gut aus. Aber nur ein bisschen davon. Ich senke den Luftdruck. Mal sehen. Die Mittagspause nutze ich dazu, Schöner Wohnen weiter zusammenzupacken. Egal, wie kalt, windig und teuer das hier ist. Ich will gar nicht packen. Packen kommt vor Abreise und Abreise kommt vor Ankunft und Ankunft kommt vor Komplexität. Trotzdem mache ich weiter damit. Es geht heute Abend nach Narbonne. Ohne zu packen wird das nichts.

Nach der Mittagspause versuche ich, VZeit noch einmal zu vertrauen. Und ja, was ist das, die 2:09 wird kurz vor Kurve 5 eine 2:08. Und dann bleibt es eine. Und dann wird es kurz eine 2:09 (aufmerksame Beobachter wissen, wo das passiert ist) und ich drehe und drehe und freue mich auf den kleinen Schubs. Und dann direkt wieder drehen und bloß nich so viel Zeit verlieren auf die Gegengerade. Hoffentlich will Herr Morosi nicht schon wieder unterm Ellenbogen durch mit seiner kleinen R1. Und dann zählt VZeit runter und runter. Bei 200m denke ich "hoffentlich bekomme ich das gebogen" und versuche, die Fuhre in den Wind zu manövrieren. Und dann sehe ich, dass ich definitiv nicht da innen sein werde, wo immer alle innen sein müssen, damit der Ausgang passt. Ich fahre über das Rot-Gelb-Gestreifte. Es hoppelt, aber nur kurz. Und dann bin ich schon auf dem Grünen. Ich werde wohl eine Longlap einlegen müssen, zuckt es mir durch den Schädel. Egal, hier passt alles. Ich drehe, und ordentlich und schlüpfe am Ende des Curbs wieder auf die Strecke. Und bloß nicht zu früh schalten, es ist doch Gegenwind.

Das war meine allerbeste Windrunde. Wenn man sie denn zählen möchte. Ich möchte das. :wink:
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Re: Alleinreisend - Alles anders

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Beitrag von campari »

"Ach, warum nicht doch noch ein wenig fahren?", frage ich mich selbst. Kurve 7 ist zwar schon wieder eklig, aber es hat ja eben auch geklappt damit. Und wenn niemand in der Kurve mit mehreren an mir vorbei will (ist ja nun die schnelle - DIE SCHNELLE - Gruppe), wird das doch auch gehen. Vielleicht fahre ich doch einfach noch ein wenig. Der Hinterreifen sieht auch wieder gut aus. Das war keine Kante, was ich meinte. Ich meinte das an der Kante. Das, was da nicht ist, wenn ein Reifen gut aussieht. Das werde ich den Herrschaften bei Gelegenheit nochmal erklären. Leicht verärgert denke ich: Fürs Call-Center müssen die noch ein wenig üben. Wie sehr ich das etwas später noch anders sehen würde, konnte ich da noch nicht wissen.

Ich wollte mir gerade wieder die Styroporschüssel über die Rübe stülpen, da kommt Sascha "Der Wind ist schon wieder richtig schlimm". Ich denke an Kurve 7. Ich denke an Tracklimits. Ich sehe, wie das kleine Windrad abseits der Strecke sich schon wieder fast abdreht. Daraufhin nehme ich die Styroporschüssel und lege sie hin. Ich ziehe zwei Stecker aus meinem Kabelroller und ziehe mir das Lederzeug wieder aus. Nicht einmal einen ganzen Tag von dreien zu fahren ist relativ teuer. Sich windbedingt zu verfahren ist definitiv teuer. Während ich zusammenpacke, rücken die Kollegen in Rot mehrfach aus. Weil Sensa mir doch so ein tolles Foto aus Jerez geliefert hat, kaufe ich einfach auch alles, was ich für Aragon kriegen kann. Die Fotos sind einfach zu gut. Und wer weiß, ob ich hier jemals wieder eine Runde drehen werde. Und man soll sich immer ganz verabschieden, wenn man nicht weiß, ob man nochmal wiederkommt. Da nimmt man auch gerne mal ein Foto zur Erinnerung mit.

Nach einem Duschsprint und einer Schnelleinkaufaktion im Alcampo fahre ich über Caspe. Der kürzeste Weg führt durch Alcaniz. Wir nehmen einen Drempel nach dem nächsten, bis endlich die Landstraße anfängt. Nur Eingeweihte wissen, wie die zwischen Alcaniz und Fraga aussieht. Gewiss auch nichts, was man im Dunklen fahren möchte. Aber diese Route hat nur 50km Wilderness, und die andere gut 80km. Und es wird spät heute. Die Landschaft um den Stausee herum ist atemberaubend schön, und ich hätte gern ein Foto gemacht. Vor lauter Staunen darüber, dass tatsächlich Wasser, und viel, in dem See ist, vergesse ich fast, dass mir von dem Ganzen rauf und runter und rechts und links und Berg und Abgrund schlecht wird. Vielleicht werde ich irgendwann auch mal in Mequinenza Halt machen. Als ich in Fraga abbiege, löst Sabotage gerade Brothers in Arms ab. Was für ein Wechsel...Jetzt, wo die Sonne untergegangen ist, ist es Zeit für etwas Akustik. Ich mache die Lichterkette an, die immer noch für Kinder und Verliebte (bzw. Leute, die sich einfach nur mal öfter treffen) und ein bisschen auch für mich hinten an den Sitzen hängt. Ich mag es, wenn es ein wenig hell von hinten scheint, während ich allein im Dunklen Autofahre. Als ich auf der Höhe von Alcarras bin, fällt mir auf, dass das Wetter hier nicht besser ist. Aus den Lautsprechern (denjenigen, die noch am Leben sind), klingt es "You don't need to bother..." Nein, das muss ich wirklich nicht. Alcarras ist mir egal.

Mr Corey Taylor und Tucc begleiten mich bis nach La Jonquera. Immer wieder schaukelt der Wind. Als ob es dagegen helfen würde, habe ich (selbstverständlich) die Lautstärke voll aufgedreht (was bei dem doofen Modernauto gar nicht mehr geht) und bin schon fast heiser. Es sieht sehr verlassen aus, hier, wo es sonst so geschäftigt ist. Ich habe Sorge, dass die Shell-Tanke überhaupt offen ist. Aber egal. Jetzt stehe ich hier. Ich drücke den Griff an der Autotür - und bekomme sie nicht auf. Jetzt erst werfe ich einen Blick in meinen Außenspiegel und sehe wie ein hochbeiniger Kuriertransporter hin und herwankt, so dass er fast umzufallen scheint. Ein paar Plastikstreifen an einem Pfosten stehen waagerecht im Wind. Als ich die Tür endlich offen habe, sehe ich zu, dass sie mir keine Extremitäten bricht. Der Mann am Nachtschalter deutet hinter sich in Richtung Berge und sagte "viento" und ich lege die Stirn in Sorgenfalten. Dieser Wind wird nicht aufhören, nur weil ich über diese Berge fahren muss.

Meine Haare, die aus dem Zopf gefallen sind, stehen ebenso waagerecht im Wind wie die Plastikstreifen. Mulmig setze ich mich ins Auto, nachdem ich zwei Mal erfolglos an der Tür gezogen habe, auf der der Wind stand. Wir haben schon fast 23 Uhr, und es ist zappenduster. Und wo ist eigentlich der Lastverkehr, wenn man ihn braucht? Windschatten, Linienindikation, Licht - alles nicht da. Ich weise Siri an, Klaus nochmal anzurufen. Wenn ich hier und heute sterben würde, dann zumindest nicht allein. Und während ich über Gestrüpp fahre, was auf die Straße geweht ist, und schon lange der Warnblinker läuft, weil ich angesichts der Lage nicht schneller als 60 fahren möchte, habe ich schon wieder einen Irokesenmann am Telefon. Es scheint eine lustige Party zu sein, auf der ich kurz zu Gast sein konnte. Die französische Grenze habe ich passiert, und der Wind scheint etwas gnädiger zu wehen. Ich fahre noch etwa eine Stunde nach Narbonne. Dass irgendwer irgendwann in der Nacht die Uhr anders einstellt, ist mir sowas von Wurst.

Und wenn sich noch irgend jemand fragt, was abartiger Wind ist. DAS war abartiger Wind.
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Re: Alleinreisend - Alles anders

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Beitrag von campari »

Nachdem mir das B&B Narbonne 1 zwei exquisite Pains au Chocolat serviert hat, die garantiert keine Industrieware waren, und ich etwas mehr Kaffee als sonst aufgefüllt habe, bastele ich den Anhänger wieder ans Auto. Hätte ich nicht die Hände in Benutzung, würde ich mich immer noch am Kopf kratzen müssen, wie ich es mitten in der Nacht und mit dürftiger Beleuchtung nach abartigem Wind geschafft hatte, den C1300 rückwärts absolut parallel zur Parkmarkierung rückwärts neben ein Auto zu stellen ohne irgend etwas zu beschädigen. Nur der Super-B, der musste ab über Nacht und aus dem Weg. Die Sonne scheint, aber es ist immer noch windig. Und das nicht zu knapp.

"I got troubled thoughts and the self-esteem to match, What a catch, what a catch..." Fall Out Boy singen mich an, während ich bei Beziers einem LKW-Kotflügel ausweiche, der auf die Straße geweht war. Insgesamt war echt viel auf die Straße geweht. Ein Fahrzeug wird mir später einen Stein auf die Scheibe werfen und mir schlimmstenfalls mal wieder den Selbstkostenanteil für eine neue Scheibe aufnötigen. Und dafür musste man bezahlen. Es ist immer noch so böig, dass die kleinen Spitzen der Zypressen, die aussehen wie Zipfelmützen, mitunter waagerecht stehen. Manche LKW-Fahrer interessiert das nicht. Andere wiederum fahren so, dass ich überholen muss. Am wenigsten scheint das diverse PKW-Anhängerfahrer zu interessieren. Bei Montpellier rauscht an mir ein Transporter mit einem kleinen Anhänger vorbei, der lustig um die Breite eines kleinen Sofakissens hin- und herhoppelt. Jetzt wird dieser kleine Anhänger nicht unbedingt den Transporter aufs Dach drehen, aber tut das Not? Vermutlich sieht der Kollege das Ding nicht einmal im Spiegel, weil es so schmal ist. Ich sehe - so wie früher, als ich noch den kleinen Nissan Micra hatte - mehr nach hinten als nach vorn und sehe zu, dass ich immer beide Anhängerräder im Spiegel sehen kann.

Ooooooh, wow. Der rechte Fuß tritt die Bremse, während der Tacho von um die 90 auf unter 80 fällt. Eine Windböe hat gerade den Anhänger um ein Viertel eines kleinen Sofakissens zur Seite gekickt. Mein Anhänger liegt zwar tief, aber ist leicht und dafür recht hoch. Und ich bin nicht bis hierher gekommen, um jetzt alles zu zerstören. Ich lasse welchen LKW auch immer passieren und verhalte mich ruhig, bis wir am Rhone-Delta vorbei sind.

Der Wind kommt jetzt von vorne, was viel sicherer zu fahren ist. Ich passiere die Festung von Mornas. Ein wenig fehlt mir die Kindschaft. Wem soll ich denn hier sagen "guck mal, Burg!". Stattdessen spielt Oui FM "Shadow of the Day" und obwohl ich den Text auswendig kann, schaffe ich es wieder nur bis zur Hälfte, mitzusingen. Oft habe ich dieses Lied gehört, als es rauskam. Während ich bis zur Erschöpfung spachtelte, tapezierte und Wände strich. Ich hatte es nie geschafft, das Lied zuende zu singen. Nach einem Drittel übernahm Empathie und mir kamen die Tränen. Ich hörte Leid, nicht Lied.

Dass der arme Chester sich zehn Jahre später umbrachte, war für mich keine Überraschung. Ich frage mich immer noch, wie die Band es überhaupt geschafft hat, mit allem in der Zeit davor umzugehen. Und ich wünsche allen Betroffenen, dass sie jemanden finden, der zuhören kann - aber vor allem, dass sie es selbst noch können. Um etwas zu ändern, muss man sich öffnen.

Der Rest der Strecke verlief relativ unspektakulär, aber es gab tatsächlich noch etwas zum Lachen. Kurz hinter Lyon nutzte ich die Mautstation, um Flüssigkeitsmanagement zu betreiben. Da war es, das gute alte Stehklo! Und aus dem Lautsprecher sang Elton John "I'm still standing..."

Bei Dijon machte ich auf der Gegenfahrbahn etwas aus, was so aussah wie Olaf und Dolores. Ich versuchte, durchzuklingeln, aber es ging niemand ran. Später klappte es doch noch. Olaf war tatsächlich auf dem Weg nach Ledenon. Es sind immer dieselben komischen Gestalten auf derselben Strecke unterwegs...
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